Mark Wallinger
Presseinformation
Mark Wallinger
01.05.2010 – 05.06.2010
Eröffnung: Freitag, 30.04.2010, 16 - 21 Uhr
Gallery Weekend Berlin
01. - 02.05. 2010 | 10 - 19 Uhr
Wir freuen uns sehr, die vierte Einzelausstellung von Mark Wallinger in unserer Galerie zu eröffnen. Die Ausstellung umfasst neue Installationen, Foto- und Videoarbeiten.
Steine, 2010. Eintausend nummerierte Steine bedecken den Boden des Hauptraums. Es stellt sich unwillkürlich die Frage nach dem Nutzen eines Ordnungssystems und was mit einem Gegenstand passiert, wenn man ihm eine Nummer zuteilt. Allein der Akt der Nummerierung des Steins stellt noch keine Klassifizierung dar. Er ist höchstens eine Annäherung im Verständnis seiner kompromisslosen Eigenschaften. Die Nummerierung ist so heroisch wie zweckfrei. Die Steine erinnern an den Glauben an die Ewigkeit ebenso wie an die langen Listen anonymer und vergangener Generationen, die ihre menschliche Arbeitskraft dem gewaltigen zeitlichen Maßstab der Geologie entgegen stellten.
Sowohl von den Steinen als auch von den sie umgebenden Photographien geht ein Unbehagen aus. Die Photographien zeigen Schnappschüsse aus dem Internet, welche Aufnahmen anonymer Menschen zeigen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln eingeschlafen sind. The Unconscious, 2010 heisst diese Serie geraubter Seelen, deren Bild ins Groteske vergrößert wurde. Befreit von der Verspanntheit des Bewusstseins im Wachzustand, scheinen sich die Gesichter der Schlafenden jenseits ihrer selbst aufzuhalten und - einem unbewussten Ordnungsprinzip folgend - im Schlaf untereinander mehr zu ähneln, als würde hier etwas spezifisch Menschliches deutlicher hervortreten.
Wallingers Umkehrungen von individuellem und gesellschaftlichen Bewusstsein werden mit einer Reihe anderer Arbeiten in dieser Ausstellung fortgesetzt. Eine wandfüllende Arbeit nimmt ebenfalls ihren Ausgangspunkt in der Anonymität ihres Inhalts. Word, 2010 füllt die Wand mit dem gesamten Text des englischen Poesiekompendiums „The Oxford Book of English Verse 1250 - 1918“. Dem Text sind alle Interpunktionen, die grammatikalischen und syntaktischen Zeichen entnommen worden. Wie lässt sich hier das eigentlich Poetische, der Rhythmus und der Reim wieder finden? Word ist vielmehr ein Strom von Assoziationen und Worten, von Erinnerungen an die großen Dichter der Englischen Sprache, welche sich jedoch radikal reduziert in Kleinbuchstaben zu einem einzigen Wort in einer einzigen Zeile aneinandergereiht auf der Wand wieder finden. Ohne Titel, ohne Melodie und jene Konventionen, welche andererseits die Autorität des Kompendiums bestimmen, enthält Word nur ein einziges Wort, in welchem die Entwicklung der Sprache und Ästhetik von Jahrhunderten enthalten ist.
Diesen zwei Installationen schliesst sich eine Videoarbeit an. „Bewitched“ war eine amerikanische Sitcom über das Familienleben eines Mannes und seiner Ehefrau, einer Hexe. Die Serie wurde in acht Staffeln zwischen 1964 und 1972 ausgestrahlt. Wallingers Videoarbeit The Magic of Things, 2010 setzt aus ihr all diejenigen Szenen in chronologischer Reihenfolge zusammen, die menschenleer und doch von Magie erfüllt sind. Diese Szenen wecken Erinnerungen an die Lebenswelten der Vorstädte, konstruiert aus Nebenschauplätzen, aus unbewussten Interieurs. Losgelöst von jeglichen Handlungsträgern, beanspruchen die fliegenden Teetassen, die sich selbst reparierenden Spiegel und das Auto, dass aus dem Jenseits durch die Wohnzimmerwand bricht eine Art von Übermenschlichkeit, losgelöst vom Handlungsrahmen der Serie selbst. Hier steigt eine Art unbehagliche Parallele zwischen der Videoarbeit und der allgegenwärtigen Tendenz zur Austreibung der Aura aus der zeitgenössischen Kunst auf. Das postkonzeptuelle Verschwinden des Künstlers und die statt ihm zelebrierte Auratisierung der in den Werken eingebetteten unvergleichlichen und angepriesenen Ideen findet sich in banalen, animierten Haushaltsgegenständen wieder. Hier wie dort sind wir trotz aller offensichtlichen Gaunerei auch weiterhin nicht desillusioniert.
Im zweiten Raum der Ausstellung eröffnet Wallinger ein Auditorium: einen Block aus einhundert gebrauchten, unterschiedlichen Stühlen, zu zehn Zehnerreihen zusammengestellt. Wallinger schreibt sich, nahezu wörtlich, auf diesen Objekten ein, indem er auf die Rückenlehnen mit einem schwarzen Marker seinen Namen MARK schreibt und jeden einzelnen Stuhl mit einem weissen Faden mit einem „Auge“, mit einem konstruierten Fluchtpunkt auf der gegenüberliegenden Wand, verbindet. Wir nehmen die Welt über unsere Sinne wahr, doch ihre Erscheinungen betrügen uns zuweilen. Name the mark, mark the name: Schöpfer und Subjekt, Subjekt und Schöpfer. Die Bedeutung festzulegen, den Gegenstand, den wir sehen in Besitz zu nehmen und zu berühren ist der Akt des Grössenwahnsinnigen. In According to Mark, 2010, gehört alles MARK. In der Reflexion des Blickes wird der Künstler hier sein eigenes Publikum, seine einzige Perspektive. In seinem Buch „Logic des Sinns“ beschreibt Gilles Deleuze eine Kritik der herrschenden Ideologie, die nicht länger den Vorhang wegzureißen versucht, weil sie dahinter die Wahrheit vermutet, sondern stattdessen den Vorhang abtastet, sich an ihm entlang bewegt und seine Strukturen nachempfindet. Wallingers Arbeiten breiten sich auf dieser Fläche aus. In seinen Werken wird das gesellschaftliche Bewusstsein an die Oberfläche gezogen.
Für weitere Informationen, Bild- und Textmaterial steht Ihnen die Galerie gerne zur Verfügung.